Einführung

„Ich bin immer noch ich“ schreibt die Schriftstellerin und Lyrikerin Ingeborg Bachmann Anfang der 1940iger Jahre in einem Gedicht. Es handelt von der inneren Widerstandskraft gegenüber Ideologie und Opportunismus, „Schicksals Härte und Menschenmacht“. Jahrzehnte später sind ihre Worte immer noch aktuell und transportieren Hoffnung an jene, die für Freiheiten kämpfen müssen.

Shahram Mirzaie, ein iranischer Künstler, der seine Heimat im Jahr 1999 verlässt, hält an ihren eindringlichen Worten fest. In der Einsamkeit des Exils werden ihre Worte für ihn existentiell.

 

Kapitel

1970 wird Shahram M. in der Stadt Hamadan geboren. Rund eine halbe Millionen Menschen leben in der von steinigen Gebirgsketten umrandeten Universitätsstadt. Shahrams Kindheit ist behütet, seine Eltern arbeiten als Lehrer und vermitteln ihren beiden Kindern humanistische Grundwerte. Am Wochenende unternehmen sie Ausflüge in die nahegelegenen Berge und schicken Shahram auf die nahegelegene Musikschule. 

Seit 1906 ist der Iran eine konstitutionelle Monarchie. Weitestgehend wird er von der Pahlavi Dynastie regiert. Mitte der Siebziger Jahren kommt es vermehrt zu Spannungen in der Gesellschaft. Unterschiedliche Gruppierungen richten die Kritik an das amtierende Schah-Regime. Der westlich-orientiere Schah Mohammed Reza Pahlavi führt eine selektive Wirtschaftspolitik, von der weitestgehend die Eliten des Landes profitieren. 

 

Die Proteste vereinen unterschiedliche gesellschaftliche Gruppierungen: Rechte, Linke und Gläubige. Die Lage spitzt sich zu, bis das Schah-Regime 1979 gestürzt wird. Am 16. Januar 1979 flieht Schah Mohammed Reza Pahlavi ins Exil. Ayatolla Chomeini kehrt in den Iran zurück und wird von jubelnden Massen empfangen.

1999 stellt Shahram in Nordrhein-Westfalen einen Antrag auf Asyl gemäß § 14 Abs. 2 AsylG. Die ersten Tage verbringt er auf einem Container-Schiff auf dem Rhein. Circa 300 Geflüchtete werden dort untergebracht. Etliche Kajüten mit Menschen unterschiedlicher Nationalitäten, in den engen Gängen riecht es nach Schweiß und Urin. Wie Sardellen aneinandergepresst leben sie eng beieinander, die Wände sind so dünn, dass kaum Privatsphäre bleibt. Das Container-Schiff „Transit“ wird von der Stadt Köln als Flüchtlingsunterkunft eingesetzt.

Die Verhältnisse auf dem Schiff sind derart prekär, dass Aktivist:innen das Schiff im Jahr 2002 besetzen. Sie sehen in der Unterbringung ein Symbol für die gezielte, Abschreckungspolitik der amtierenden Regierung der Stadt Köln gegenüber Geflüchteten.

Shahram schläft schlecht und fühlt sich rastlos in diesen Tagen. Noch knapp siebzehn Jahre später träumt er immer noch von dem Wanken des Schiffes und dem Gefühl als Fremder ein neues Leben zu beginnen.

„Ich fühlte mich wie ein Kind, das alles neu erlernen muss. Als ob man einen Roman bis zur Hälfte liest und dann beginnt man wieder von vorne. Auf dem Schiff hatte man das Gefühl, keine Wurzeln zu besitzen, in jedem Moment einfach fortgeschwemmt zu werden.

Antrag auf Asyl und das Leben auf der Transit

Proteste im Iran

1979, nachdem sich die erste Euphorie über das Ende des Schah-Regimes allmählich legt, beginnt ein rigider Transformationsprozess in der neu-ausgerufenen Islamischen Republik Iran. Einschränkungen des öffentlichen Lebens und eine neue Gesetzesgrundlage sind Teil des umfassenden Reformprogramms der neuen Regierung. Oppositionelle Kräfte, die den Leitlinien des Mullah-Regimes widersprechen, werden verfolgt, inhaftiert und ermordet. Auf die west-freundliche Politik des Schahs folgt nun die rigide Abkehr zu einer anti-imperialistischen Außenpolitik. Westliche Lebens- und Kulturpraktiken werden verboten, stattdessen wird der Islam politisiert und das Auswendiglernen von Koran-Versen in der Schule obligatorisch.

Inmitten des gesellschaftlichen Transformationsprozesses der achtziger Jahre beginnt der Iran-Irak Krieg. Shahram absolviert als Achtzehnjähriger seinen Wehrdienst, im Anschluss zieht er nach Teheran und beginnt im Bereich Film zu arbeiten. Wer sich an die neue Ordnung anpasst, kann Karriere machen, für alle anderen ist der Weg durchaus schwieriger.

 

Ende der Neunziger Jahren kommt es zu den Protesten einiger Studenten an der größten Universität in Teheran. Als Antwort auf die Studierendenproteste stürmen am 9. Juli 1999 Sicherheitskräfte des islamischen Regimes in Zivilkleidung die Studentenwohnheime. Dort werfen sie Brandsätze in Zimmer und verletzen Studierende schwer, ein junger Mann kommt ums Leben. In den darauffolgenden Wochen gibt es Proteste im ganzen Land, doch die Regierung schlägt vehement zurück. Shahram trifft die Entscheidung den Iran zu verlassen.

Das Leben in Deutschland

Nach seinem mehrwöchigen Aufenthalt auf der „Transit“ wird Shahram in eine andere Gemeinschaftsunterkunft verlegt. 2001 folgt die Umverteilung in das Flüchtlingsheim Wermelskirchen, in dem er bis zum Ende seines Asylprozesses bleibt. Durch die Residenzpflicht darf er sich nur in unmittelbarer Nähe des Wohnheims aufhalten, für jeden Ausflug außerhalb des vorgegeben 50- km- Radius muss er sich eine Genehmigung einholen. Für wenige Euro jobbt er schwarz im Kiosk eines Freundes, eine offizielle Arbeitserlaubnis bekommt er nicht. Insgesamt acht Jahre dauert sein Asylprozess, bis er 2007 endlich seinen deutschen Pass erhält.

Shahram erlebt wie die Situation ihn und seine Zimmergenoss:innen zermürbt:
„Einige haben angefangen zu trinken. Einige haben Depressionen bekommen. Diejenigen, die voller Energie in Deutschland angekommen sind, die Träume hatten, sich ein Leben und eine Zukunft aufbauen wollten, hatten keine Kraft mehr. Ich habe nicht verstanden, wieso der Prozess so lange dauert.“

Heute lebt Shahram Mirzaie in Köln und ist Vater einer elf-jährigen Tochter. Durch die Hilfe einer Freundin kann er einen Atelierraum für Fotoshootings nutzen. Die Arbeit als Fotograf gibt ihm das Gefühl in der Gesellschaft wahrgenommen zu werden.

„Es hat mir Selbstvertrauen gegeben, die Menschen hier zu fotografieren und meine Arbeiten zu zeigen. Auf der Straße werde ich als Ausländer wahrgenommen. Wenn jemand in mein Studio kommt, wir miteinander ins Gespräch kommen, ist es anders. Dann fühle ich mich als Teil der Gesellschaft.“

Nach all den prägenden Erfahrungen sieht Shahram gelassen in die Zukunft. Sein größter Wunsch ist es, dass seine Tochter Frida sich in Deutschland zuhause fühlt.